Ausstellungen | »Die Magie der Farben«

Die Magie der Farben

Jüngst, Ursula
In einzigartiger Weise bringt die Künstlerin allein mit der Farbe – ihren Strukturen und Rhythmen – die im Unbewussten schlummernden Erinnerungen, Eindrücke und Erlebnisse auf die Bild-Oberfläche. Wie in einer Art »Écriture automatique« fließen diese kognitiven Prozesse in das brillante Kolorit ihrer Bilder ein und werden in einem geradezu tänzerischen Malakt, der von der Gestik und den Bewegungen des gesamten Körpers gesteuert wird, auf die Leinwand gebannt. Die aus diesem Prozess entstehenden Farbimprovisationen erschaffen überschäumende und pulsierende Farbkosmen voller Magie und Sinnlichkeit.
Ursula Jüngst entwickelt ihre Bilder ganz aus der Farbe heraus beziehungsweise aus ihrem Umgang mit der Farbe. Ihr sowohl raumgebendes als auch formgebendes Potential berücksichtigt die Künstlerin dabei ebenso wie ihre symbolische Bedeutung und psychologische Wirkung.

Dabei formieren sich kräftige und bisweilen kontrastreich gesetzte Pinselstriche in einem all-over zu verschiedenen Farbinseln, –streifen oder –keilen oder zu radial ausstrahlenden Strichbündeln. Mit diesen Farbstrukturen bewirkt Ursula Jüngst differenzierte, teils starke räumliche Bewegungen zwischen Oberfläche und Tiefe. Mal erzeugen sie Assoziationen an fließende Wassermassen oder an die tobenden Wogen der Ozeane, mal an züngelnde Flammen oder an sprudelnde Eruptionen eines Vulkanausbruchs. Immer ist die gesamte Bildfläche von einer vibrierenden Dynamik erfasst und die energiegeladene, explosive Kraft, die den Werken zugrunde liegt, greift über die Bildgrenzen hinaus und erfüllt den gesamten außerhalb des Bildes liegenden Raum mit einer starken sinnlichen Intensität. Im Sog der wirbelnden Farben wird die emotionale Spannung dieser magischen Farbkosmen unmittelbar spürbar.

Dabei malt Ursula Jüngst ihre Bilder ›alla prima‹, dass heißt, sie bringt die Farbe direkt, Schicht für Schicht auf den Bildträger auf, und mischt die bisweilen sehr pastos aufgetragenen Farben erst auf der Leinwand. Durch diese Durchdringung von malerischer Struktur und farbiger Stofflichkeit entfalten ihre Bilder eine unglaublich intensive Strahlkraft und Tiefenwirkung. Darüber hinaus erfährt die Farbe durch ihren reliefartigen Charakter eine körperliche Präsenz. Jede Farbe entwickelt ihren eigenen, inneren Klang, wird wesenhaft und gewinnt eine eigenständige Entität.

In dieser Auffassung von der Farbe und ihrer Wirkung zeigt sich ihre starke metaphysische Bedeutung für die Kunst von Ursula Jüngst. In dem Zueinander der Farben, ihren Bewegungsrichtungen, ihren Rhythmen sowie ihrer teils pastosen Körperhaftigkeit thematisieren sich gleichnishaft die schöpferischen Kräfte des Kosmos und die Ursprünge des Daseins ebenso wie die Mysterien des Lebens und der Natur. Diese Aspekte werden auch in den Bildtiteln angesprochen. So verweisen zum Beispiel Titel wie »Sternengeburt« auf kosmologische Entstehungsprozesse, während klangvolle Wortneuschöpfungen (wie »Talatara«, »Orataa«) dagegen wie magische Beschwörungsformeln einer uns fremden und geheimnisvollen Sprache klingen und damit das archetypische Element der Schöpfung offenbaren.

Dieser Schöpfungsgedanke fließt auch in den Malakt ein, in den sich Ursula Jüngst – dem Action Painting verwandt – körperlich stark einbringt. Je größer dabei das Format ist, umso stärker kann sie ihr gesamtes Ich auf die Leinwand bannen. Die Bilder atmen den Geist der Künstlerin und sind tief durchdrungen von dessen kognitiven Vorgängen, Emotionen und Erlebnissen, so dass sie in dem intuitiven und spontanen Herstellungsprozess die innere Welt der Künstlerin widerspiegeln.

Gleichzeitig besitzen die Bilder, da sie sich aus dem Gedächtnis der Künstlerin konstituieren, immer noch einen Bezug zur gegenständlichen Welt. In diesem Oszillieren zwischen Abstraktion und Figuration verbergen sich vielfältige assoziative Kräfte, die so an die kollektive Erinnerung appellieren. Die Imagination des Betrachters schafft in dessen Geiste eine autonome Projektionsfläche, die sich einerseits aus den in den Werken enthaltenden Affinitäten zum gegenständlichen Lebensbereich und andererseits aus den subjektiven Empfindungen und Erfahrungen des Betrachters konstituieren. In dieser dialogischen Ausweitung der Malerei steigern sich die Bilder von Ursula Jüngst zu fantastischen Mysterien voller Magie und Sinnlichkeit.



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Gallery

Wasserhochzeit

, 145 x 162 cm, 2010, Öl auf Leinwand

Tanzende Meerbögen

, 70 x 160 cm, 2008, Öl auf Leinwand

Gestreicheltes Meer

, 165 x 143 cm, 2010, Öl auf Leinwand
Konzeption & Design: Mitja Eichhorn