Ausstellungen | »Ambivalences«

Ambivalences

Wakultschik, Maxim
Die Ambivalenzen des eigenen Ichs – das heißt der spannungsvolle Gegensatz zwischen dem, was man ist und dem, was man vorgibt zu sein und wie man auf die anderen wirkt – bilden für den 1973 in Minsk (Weißrussland) geborenen Maxim Wakultschik das zentrale Thema seiner Kunst. Mit immer wieder ganz neuartigen Ansätzen nähert er sich in verschiedenen Werkreihen diesem mehrdeutigen ›Bild‹ vom Menschen und konfrontiert es mit dem Anforderungsprofil unserer heutigen globalisierten Gesellschaft.

Maxim Wakultschik, der von 1992 bis 2000 an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert hat, be-trachtet diese ambivalenten Situationen gewissermaßen in einem künstlerischen Diskurs, in dem er neue Rezeptionsformen gezielt für die Konstituierung des jeweiligen Werkinhalts entwickelt. Über-greifende Methoden sind unter anderem die serielle Reihung oder die Verwendung künstlerischer Techniken, die die individuelle Handschrift des Künstlers zurückstellen. Immer aber interessieren ihn die Möglichkeiten, von der planen Fläche des klassischen Bildes in die dreidimensionale Sphäre des Raumes vorzustoßen und damit den Betrachter unmittelbar in das Werk einzubeziehen.

Die Ergebnisse dieses Diskurses realisieren sich in der Kunst Maxim Wakultschiks in ebenso viel-fältigen wie innovativen Konzeptionen. So stellt der Künstler in seiner »Janus«-Serie die Bildnisse einer oder zwei verschiedener Personen einander gegenüber. Wie eine auseinander gezogene Zieh-harmonika werden beide Gesichter zickzackförmig nebeneinander gesetzt, wobei diese Dualität noch durch einen Farbkontrast hervorgehoben wird. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man auf die hölzerne Relieftafel schaut, sieht man entweder eines der beiden Gesichter oder es entsteht ein Doppelporträt aus gegeneinander gesetzten Streifen. Somit vereint Wakultschik janusköpfig zwei sich widersprechende Seiten einer oder zweier Personen und veranschaulicht auf diese Weise das vieldeutige Gefüge der Identität.

In der Werkreihe »Reflexions« präsentiert Maxim Wakultschik die dargestellten Personen – allesamt berühmte Persönlichkeiten, wie Künstler, Schauspieler und Models – in Plexiglaskästen. Wie das Schweißtuch der Heiligen Veronika erscheinen die Abbilder dieser ›VIPs‹ hinter dem mattierten Glas. Mit dieser Darstellungsform werden sie in eine irreale, jenseitige Sphäre entrückt, durch die sich eindrucksvoll der zwiespältige Charakter solcher ›Berühmtheiten‹ offenbart: von der Öffentlichkeit auf einen ›Sockel‹ gestellt, transportieren sie ein ›Image‹ von sich selbst, dem sie in ihrem eigenen Leben oft nicht entsprechen.

Unter dem Thema »Public Inside« nähert sich Wakultschik dem Ambivalenzdiskurs von seiner vo-yeuristischen Seite. So dient in den »Bubbles« eine Halbkugel aus Plastik als Bildträger, durch des-sen Verzerrungen an den Rändern der Eindruck eines Türspions entsteht. Hier wird der Betrachter zum heimlichen Beobachter, der sich indiskret in die Privatsphäre der Menschen schleicht.

Auch in seiner neuesten Serie »Zugfenster« wird der Betrachter zum Voyeur. Man schaut von außen in einen Zug und wird so Zeuge flüchtiger Situationen, die sich gerade zufällig in diesem Moment er-eignen. Die Abgeschlossenheit, die durch die Rahmung der Fenster entsteht, verweist einerseits auf die Isolation der Reisenden, die nur zufällig zur selben Zeit am selben Ort sind; andererseits betont sie die Intimität der dargestellten Szenen. Durch Letzteres entsteht die eigentümliche Situation, die den Betrachter in die Rolle des heimlichen, nach Entlarvung suchenden ›Spitzels‹ versetzt.

In allen Arbeiten Maxim Wakultschiks verwandelt sich das menschliche Antlitz in eine neue Seinsform. Das Porträt, das neben dem Fingerabdruck der wichtigste Identitätsträger einer Person darstellt, wird meist nur schematisiert wiedergegeben und erhält durch diese Art der Verfremdung oder auch Entfremdung etwas Zeichenhaftes. Die Reduktion auf wenige einprägsame Gesichtszüge machen das Porträt zu einem » graphischen Kürzel « [JUTTA SAUM]. Hier klingt auch die visuelle Reizüberflutung an, der wir tagtäglich ausgesetzt werden. In kürzester Zeit muss die auf uns einwirkende Bilderflut in Hinsicht auf wenige, aber wieder erkennbare Merkmale gescannt und ausgewertet werden. Dies schließt auch den Menschen in unserer Gesellschaft mit ein.

Die Frage ›Wer wir sind‹ ist in der Kunst Wakultschiks niemals allein reflexiv gemeint, sondern sie schließt auch immer die Beurteilung eines Gegenübers mit ein. In einzigartigen visuellen Konzepten nehmen diese Ambivalenzen dabei eine Gestalt an, die den Menschen innerhalb des komplexen und beziehungsreichen Konstrukts aus Wahrnehmung und wahrgenommener Wirklichkeit zeigen.



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Gallery

Janus #21

, 79 x 75 x 10 cm, 2008, Öl auf Papier auf Holz

Picknick

, 248 x 276 x 25.5 cm, 2009, Öl auf Leinwand

Flags

, 100 x 80 x 16 cm, 2009, Mixmedia

Exchange

, 93 x 72 x 21 cm, 2009, Mixmedia

Willy Brand

, 100 x 80 x 19 cm, 2002, Mixmedia

Zugfenster #3

, 102 x 109 cm, 2010, Öl auf Dibond
Konzeption & Design: Mitja Eichhorn